Terrakotta

»Zu empfinden, was er sieht, zu geben, was er empfindet, macht das Leben des Künstlers aus.« 
(Max Klinger, 1857-1920, Bildhauer)

Die Originalbozzetti von Giovanni Giuliani

Nur wenige Restauratoren bekommen die Chance, nahezu das gesamte Werk eines einzelnen, bedeutenden Künstlers restauratorisch zu bearbeiten. Nach der Dreifaltigkeitssäule und dem Josephsbrunnen im Stiftshof sowie den 36 Skulpturen am berühmten Kreuzweg des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz wurden wir mit der Restaurierung der Sammlung originaler Modelle des österreichischen Bildhauers Giovanni Giuliani (1664 – 1744) betraut. Sie befinden sich, bis auf wenige Ausnahmen, im Stiftsmuseum und sind üblicherweise nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Giuliani selbst hatte alle seine noch im eigenen Besitz befindlichen Entwurfsmodelle dem Kloster übertragen. Es war Teil des Vertrages, den er mit lebenslanger Bindung als Familiare im Jahre 1711 einging.

Im Rahmen einer Kooperation zwischen der Abtei und dem Liechtenstein Museum (Die fürstlichen Sammlungen) wurde erstmals das einzigartige Œuvre dieses Künstlers einer breiten Bevölkerungsschicht in Form einer Sonderausstellung präsentiert.

Das spröde Material aus gebranntem Ton ist außerordentlich bruchempfindlich. In den über 250 Jahren nach deren Entstehung hatten viele der meist eigenhändig signierten und oft auch datierten Bozzetti aus Terrakotta zahlreiche Beschädigungen über sich ergehen lassen müssen.

Um die Brüche und die hauptsächlich aus weißem Gips bestehenden Ergänzungen zu kaschieren, erhielten die Modelle bei früheren Renovierungen diverse Anstriche, die einerseits die feinst modellierten Strukturen verteigten, andererseits auch den Befall durch Mikroorganismen und Schimmel förderten. Neben einer umfassenden Schädlingsbekämpfung bestanden unsere Interventionen vor allem in der Abnahme der Anstriche, der Zerlegung der Bruchstücke und der fugenlosen Neuverklebung, sowie der etwas vertieft angelegten Fehlstellenkittung mit farblich und strukturell dem Originalmaterial angepasster Terrakotta- Ersatzmasse.

Als seit langem für das Stift tätiger Restaurator durfte ich mit meinem Team nicht nur die zahlreichen, geschnitzten Holzskulpturen und die rund 170 Bozzetti aus Terrakotta einer umfassenden Restaurierung und Konservierung unterziehen, wir wurden auch mit der restauratorischen Betreuung des Ausstellungsaufbaus betraut.

Auch im 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es eine große Tradition in der skulpturalen Verwendung von Terrakotta, inbesonders als Bauzier. Zahllose Attikafiguren sind bis heute auf den Bauwerken der Gründerzeit erhalten geblieben. Oftmals benötigen sie jedoch umfangreiche restauratorische Interventionen und teilweise auch bildhauerische Rekonstruktionen.

© 2017 Atelier Gurtner Wien